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Schiffkowitz & Schirmer
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Schiffkowitz & Schirmer 2019

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SCHIFFKOWITZ im Interview  

   31.08.2007, Christoph Andert, krone.at
   hinzugefügt am 02.09.2007  von entersound

Was geht einem Herrn Schiffkowitz derzeit durch den Kopf, wenn ein „Neuer Morgen” anbricht?

Heit? Nervös, bin i.

Immer no?

Klar, das is immer so. I bin vor jedem Auftritt nervös, meine sonst auch nicht sonderlich ruhige Hand wird dann ganz zittrig. (lacht) Naa, das is immer so, wenn du a Album vorstellst und live spielst. Das is Adrenalin!

Wie war für dich diesesmal die Zeit beim Songschreiben?

G’schrieben hab i wie immer unterwegs. I schreib am besten, wenn I auf Reisen bin. Die Songs für das Album hab ich alle in Griechenland g’schrieben, an verschiedenen Orten. I hab in Athen ang’fangen und hab eigentlich an ziemlich klassen Lauf g’habt. I bin auf Ios, da waren die Texte schon alle fertig, also bin i gleich weiter nach Kreta g’fahren. Dort hab i a Gitarr’n stehen bei einem Freund – Kreta is so mein Mittelpunkt. Und nachdem dort für drei Songs die Musik entstanden ist, bin i weiter, an einen Ort in der Nähe der türkischen Grenz’ – und dann war’s eigentlich fertig.

Hat sich der „klasse Lauf“ im Studio so fortgesetzt?

Naja, im Studio... da gibt’s eigentlich nimma vü zum sagen. Du schaust, dass du so gut als möglich den Songs ihr G’wand verpasst, ihre Farben. Entweder, du hast es schon im Kopf – der Gert kommt da meistens mit fixfertigen Gerüsten – oder du machst es so, wie i. I hab’s lieber wenn’s erst im Studio erarbeitet wird.

Der Albumvorbote „Ende Nie“ ist bei einigen Radiosendern auf Ablehung gestoßen, Begründung: deftiger Inhalt. Habt ihr euch geärgert?

Naa. I steh dem mit ziemlichem Unverständnis gegenüber. Soll heißen: I vasteh’s net. Der Gert hat da Meisterleistung abgeliefert. Es geht afoch um die zunehmende Brutalität und mit der is ja jeder oder jede von uns konfrontiert! Warum das plötzlich so einen Aufruhr gegeben hat, is mir völlig schleierhaft. Er verwendet natürlich a paar deftige Worte, „ihr Ärsche“ und so – aber, ob das der Grund war? (runzelt die Stirn)

A paar Radiostationen hab’n halt schon g’sagt: „Wir sag’n unseren Kindern, sie soll’n net Oasch sag’n und dann tönt das aus’m Radio“. Aber das kann ma einem Kind ja auch erklären, dass das im Sinne des Songs, weil sich der mit handfesten Dingen auseinandersetzt. Gewalt, Zivilisation, Moslems – was ja a nix neues is, mit dem müss’ma uns alle auseinandersetzen. Die einzige Erklärung, die i hab, is, dass a paar Stationen sagen, sie wollen ausschließlich „Wohlfühlradio“ und dass der Song da stört. Weil er... (denkt kurz nach)

Aneckt?

Ja, und weil ma zuahör’n muaß und weil er – keine Ahnung – das blitzsaubere Radio stört und ihn keiner seinem Hörer zumuten will.

Wie denkst du, wär das abgelaufen, wenn ihr „Ende Nie“ vor 15 oder 20 Jahren gemacht hättet?

Mmh. Wir mach’n jetzt schon fast drei Jahrzehnte Musik und hab’n immer wieder so genannte politische Sachen gemacht. Keine tagespolitischen – wir san ja ka singende Zeitung, wie i immer sag. (lacht) Keine tagespolitischen deswegen, weil a Song net nur a Message sein kann. A Liad muss auch rüberkommen, poetisch sein.

Mir stinken so viele Dinge, politisch, aber das in eine adäquate Form zu bringen, dass net der Zeigefinger ausfahrt und das Lied belehrend wirkt – das hasse ich wie die Pest! – das is a Kunststück. Und dem Gert is das bei „Ende Nie“ absolut meisterhaft gelungen. Der Song hat a klare Aussage und is sehr poetisch. Er is halt hart, wie es der Sache leider auch entspricht – er muaß hart sein, man kann net immer Lieder über Blümchen und Bienchen schreiben!

Darf man mit 60 noch „Küss Mich“ singen?

(lacht) Oh, ja! Man darf meiner Meinung nach in jedem Alter alles singen. Man muaß halt aufpassen, dass man net lächerlich wirkt. Aber „Küss Mich“ lauft ja eh auf a andere Pointe hinaus, weil i ja drüber g’schrieben hab, dass ma nix einfallt. Mir is wirklich nix eing’fallen und dann hab i mir ’dacht, i schreib afoch an Song drüber. Die Muse küsst mich nicht... (lacht) I hab do ka Problem damit! Außerdem halt i’s da mit meinem alten Freund Willi Resetarits, der sagt: „So lang da Mick Tschägger no derf, derf i a!“

Bei einem anderen Song, „Unser letzter Tag“, schlägst du eine ganz andere Richtung ein. Es klingt sehr traurig, fast schon depressiv...

Ja. (denkt kurz nach) Der Song is aus einer konkreten Situation entstanden, die i aber im Dunkeln lassen will, weil sie sehr, sehr persönlich is. Außerdem soll der Song als traurig, melancholisch, etwaiger Abschied gelten – i sing ja: „Vielleicht, is unser letzer Tag“ – und er lässt hoffentlich viel Raum für Interpretationen des Zuhörers. I will das net in Verbindung mit der konkreten Situation bringen, dann wird das völlig eindimensional. Es is a trauriges Vielleicht-Abschiedslied.

Mmh...

Nicht erschöpfend?

Jein. Ich pflege mir eure Texte zuerst durchzulesen, bevor ich die Musik höre. Und für sich allein klang „Unser letzter Tag“ sehr... berührend.

Naja, dann is es ja genau das, was ich wollte. Was besseres kann mir net passieren, der Song hat seine Wirkung erreicht. Er soll di im Herz treffen.

Siehst du STS als Fels in der Brandung von „jungen Österreichern“ und schnelllebiger Popmusik? Im ersten Song „Dankeschön“ etwa bedankt ihr euch dafür, dass man euch bei der Produktion von Alben Zeit gibt, dass ihr die Hetze der Musikindustrie nicht mitmachen müsst.

Ja, wir lassen uns Zeit. I bin a irrsinniger Langsam-Schreiber, i brauch endlos und schreib monatelang nur Blödsinn, bevor’s dann endlich einmal funktioniert. I brauch Zeit, das is meine Arbeitweise. Und wir san Gottseidank in der komfortablen Situation, dass wir Zeit haben. Es drängt uns ka Plattenfirma, die klopft höchstens nach zweieinhalb Jahren einmal an – das is nämlich unser Rhythmus, in dem wir neue Sachen herausbringen – und fragt nach, ob’s schon was neues gibt. Und Fels in der Brandung... na jo; Es gibt schon andere Leut’, die so arbeiten. Nimm den Willi Resetarits her, den Wolfgang (Ambros) – die alte Garde halt! (lacht)

Ja, eben – die alte Garde. Was fehlt den „jungen Österreichern“, von denen viele ihre Songs zum Großteil nicht selbst schreiben?

Schau: Mein Seelenbruder, der Georg Danzer, hat fast jedes Jahr a neues Album g’macht! Der hat an Output g’habt, dass i ihn oft g’fragt hab: „Heast, wia machst du des?“ Er hat dann immer g’sagt: „Schiffi, mir fallt so vü ein.“ Und der war überhaupt ka schnellebiger Mensch. Wie dem so viel einfallen kann – ein mir völliges Rätsel.

Wenn du zurückblickst, wie hat sich der „Reifegrad“ eurer Alben in den Jahren verändert. Wenn du zum Beispiel „Neuer Morgen“ anhörst und dann „Überdosis G’fühl“, was fällt dir dabei auf?

Erstens einmal, dass man sich verändert hat. Und bei manchen alten Songs, denk i mir, das tät i heut nimma so schreib’n. (lacht) Aber i hab eigentlich keinen Song, wo i sag, der war unnötig. Du darfst ja eines nicht vergessen: Songs sind wie Polaroidaufnahmen – du schreibst, was du in dem Moment fühlst. Wenn i mir an Song a halbes Jahr später anschau, denk i mir oft, des könnt’ i nie wieder so schreiben. Klar, wir verändern uns dauernd – herzmäßig, hinrmäßig; so gesehen, is das für mi wie a Tagebuch, wenn i mir die alten Songs durchhör. I waas oft noch genau, was an dem Tag, als i den und den Song geschrieben hab, passiert is.

Wie selbstkritisch bist du?

Irrsinnig. Bis zur Penetranz manchmal, das geht mir selber auf die Nerven. I kämpf um jeden Beistrich – net aus Pingeligkeit, sondern weil i mi immer frag: Wie kann i des noch besser rüberbringen? Und im Studio treib i die Kollegen immer zum Wahnsinn, weil i auf der einen Seite a Krot (Kröte) bin und auf da anderen a Perfektionist.

Ich stelle die letzte Frage mit Furcht vor der Antwort: Wie oft, werden wir noch STS-Albumpräsentationen erleben?

Das kann i dir ganz genau sagen. Für mi gibt’s drei Punkte. Erstens: Gesundheit. Und wir haben grad erfahren müssen, dass das keine Selbstverständlichkeit is. Zweitens: So lang uns die Leut’ hören wollen. Drittens: So lang es uns noch Spaß macht, weil wir hab’n uns von Anfang an g’sagt, dass wenn einer von uns nimma mag, dann is das Trio Geschichte. (hält kurz inne) Und! Für mi persönlich, und des schwör ich dir auch: So bald i irgendwann einmal merke, es wird Routine, bin i scho furt a!

Mir fällt doch noch etwas ein: Wünscht ihr euch einen Nachfolger? Einen Künstler, eine Band, die eure Tradition fortsetzt und dreißig Jahre lang für dieselbe Kontinuität und Intensität sorgen kann? Kann’s sowas geben?

Puh, schwierige Frag’. I glaub’s net. Und zwar aus dem Grund, weil Dialekt in Österreich tot is. Nachdem Ö3 beschlossen hat, keinen so genannten „Austropop“ mehr zu spielen – i wart’ übrigens immer no auf den Menschen, der mir erklärt, was Austropo bedeutet... – is die Motivation für die Leut’ immer geringer. Aber dieser Gernot, der Starmaniac, der macht ja Dialekt. Vielleicht kommt da was nach...

Also, es gibt Hoffnung!?

Freilich. Aber ich hoffe, dass es ein Podium für die Leute gibt. Medien, die sie unterstützen. Guat, die Privatsender und die Landesstudios spü’n uns und andere eh – Gottseidank! Aber eines merk i, wenn i so mit junge Leut’ (Musiker) red: Sie sagen, sie haben net den Willen durchzuhalten. Die sagen, wenn nach zwa Jahr nix geht, dann mach i was anderes.

Ist hier wieder die so genannte schnelllebige Zeit, in der wir leben, schuld?

Ja. Vielleicht. Allerdings hab’n wir a sechs Jahr unter Ausschluss der Öffentlichkeit g’spielt – und i waas bis heute nicht, wie i des psychisch und finanziell durchg’halten hab. (lacht) Ja, i waas es wirklich net mehr.

Ihr singt bei „Goldene Zeiten“, dass heute alles „reguliert, zementiert“ ist...

Ja, wia i jung war – es war leichter, dich mit Jobs über Wasser zu halten. Wenn i ka Geld g’habt hab, i hab bei der nächsten Baufirma angerufen und am übernächsten Tag hab i anfangen können. Heut sagen’s dir: „Ja, auf sie hamma grad no g’wart!“ Die Jobs san früher auf da Straß’n g’legen. Das is heut nimma so. Aber, derweil samma ja noch hier, noch brauch’ma keine Nachfolger...


Interview: Christoph Andert