Benutzername:  
Passwort:  Anmelden  
oder neu registrieren  
Schiffkowitz & Schirmer
Tour 2020
   
Schiffkowitz & Schirmer 2020

     <-- Zurück



STS und ihr "Neuer Morgen"  

   31.08.2007, Christoph Andert, krone.at
   hinzugefügt am 02.09.2007  von entersound

Auf ihre alten Tage haben STS mit der Single ihres neuen Albums „Neuer Morgen“ für Aufregung gesorgt und sich mit voller Wucht in die Berichterstattung katapultiert, in der sie jahrelang bloß als „erwähnenswert“ stattfanden. Der Grund: Gert Steinbäckers „Ende Nie“ war den „Wohlfühlradios“ zu deftig – sie blockierten den polarisierenden Song und bekamen kritisches Echo von Zeitungen und Hörern, wie man es im Fall einer Austropop-Band schon Jahre nicht schallen hörte. Vom fehlenden „Airplay“ ließ sich die Fangemeinde der Steirer-Combo nicht beirren: „Neuer Morgen“ hatte bereits Platin-Status, bevor es am Freitag in die Verkaufsregale kam. Krone.at hat die beiden „S“, Schiffkowitz und Steinbäcker, zum Interview getroffen.

Sie winken ab, wenn man fragt, warum „Ende Nie“ – ein Parade-STS-Song über Gewalt und Ignoranz, der die krassen Kulturunterschiede zwischen West und Ost, die schwierige gegenseitige Annäherung von Christen und Moslems und den Krieg um Macht, Geld, Öl und Anerkennung, den die Extremisten beider Seiten auf den Rücken der anderen austragen, in mitunter derben Worten porträtiert – kein Airplay bei den größten Sendern Österreichs bekommt. "Du kannst net immer über Blümchen und Bienchen schreib'n", sagt Schiffkowitz.

Sie könnten sich grämen, zornig sein – aber Schiffkowitz (60), selbst einmal Reporter bei Ö3, und Steinbäcker (54) wissen auch so, dass sie ohne Radio er- und gehört werden und ihr Platz in der Rotation eines Formatsenders ohnehin schon vor zehn Jahren durch „hippe Geister“ ohne Option auf Rückerstattung nachbesetzt wurde. Mittlerweile ist es auch Fans wurscht, ob sich Programmchefs dazu herablassen, Dialekt und Mundart gnadenhalber zur Geisterstunde der Erfüllungsquote wegen durch den Äther zu jagen. Vergessend, dass für den Großteil der Österreicher bei Künstlern wie STS, Ambros oder Danzer keine Kompatibilitätsprobleme zu dem, „was ma sonst hört“, existieren. Zeig mir die Person zwischen Arlberg und Geschriebenstein, die nicht mindestens einen der Refrains von „Großvater“, „Kalt und Kälter“ oder „Fürstenfeld“ ansingen kann – egal, ob sie sonst die Rolling Stones, Sinead O’Connor, Dropkick Murphy’s oder Arnold Schönberg hört.

Schon mit „Herzverbunden“ im Jahr 2003 läuteten STS eine neue Ära in ihrer mittlerweile fast drei Jahrzehnte währenden Karriere ein, was Sound und Musik betrifft. Die Steirer, die bis auf den heimatverbundenen Timischl, ein paar Monate im Jahr ihr Glück in Griechenland finden, haben damals den „Groove“ entdeckt, überraschten mit perkussiven Rhythmen, komplizierten Arrangements und holten sich mit Gastmusikern wie Toni Stricker neue Klänge ins Repertoire. „Neuer Morgen“ schließt nun direkt an Herzverbunden an.

Das gleichnamige Titelstück etwa birgt Reminiszenzen an die Beatles: Peter Cornelius steuerte für die Combo eine 12-saitige Rickenbacker mit dem legendären "Twännng" bei, das Gitarrensolo am Ende des Songs hat Schiffkowitz höchstpersönlich gespielt – eine detailverliebte Melodie, die hör- und spürbar den Stil eines George Harrison zitiert. „Hunderte Wege“ – ein Song von Günther Timischl (59) – verwebt einen lockeren Country-Hadern mit der drückenden Schwere einer Ballade. Geradeaus und sich mit gefälligen Akkordfolgen wie ein Meißel ins Ohr arbeitend, kommen nur die Songs von Gert Steinbäcker. Letzterer ist auf „Neuer Morgen“ gewohnt nicht-zurückhaltend und opferte sogar sein bisher obligatorisch beigesteuertes Liebeslied einem weiteren gesellschafts- und politkritischen Song.

Schiffkowitz schrieb seine Lieder während einer Reise durch Griechenland – siehe Interview. Seine Songs auf „Neuer Morgen“ gewähren ungewohnt tiefen Einblick in die Seele und das Gefühlsleben des stets auf Perfektion bedachten Liedermachers. So persönlich wie bei „Unser letzter Tag“, mit dem er eine lange Phase der Niedergeschlagenheit nach einem – wie er sagt – sehr, sehr persönlichen und traurigen Erlebnis verarbeitet, hat man Helmut Röhrling noch auf keiner STS-Platte erlebt. Die sich abwechselnden, bildgewaltigen Stimmungen der beiden „S“ bricht Günther Timischl mit netten, poetischen Songs auf. Bei ihm sind Liebeslieder nie naive Erklärungen sondern kurze Szenen, unvergessliche Momente oder kleine Analysen, die er vor dem Hintergrund einer (seiner) langjährigen Beziehung schildert. An Songs wie „Wunder meiner Seeligkeit“ oder „Zeit für uns“ reihen sich mit „Märchenschloss“, „Hunderte Wege“ oder „Einfach“ die Lieder von „Neuer Morgen“ lückenlos an.

Ja, es stimmt, „Neuer Morgen“ ist ein weiteres STS-Album. Das dreizehnte, um genau zu sein. Vielleicht ist es auch nur „just another“ STS-Album. Aber es ist eine Platte, die jede Rechtfertigung hat, die sie braucht. Sie ist da – und das ist mehr als gut so.

10 von 10 neuen Morgen

Christoph Andert