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Schiffkowitz & Schirmer
Tour 2020
   
Schiffkowitz & Schirmer 2020

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Die Auf- und Aussteiger  

   1993, Autor unbekannt, FIAT-Magazin
   hinzugefügt am 30.07.2003  von Andreas

Von Fürstenfeld nach Griechenland und zurück: Die steirische Band STS ist vom Geheimtip zum Dauerbrenner geworden und durch nichts mehr zu bremsen.

Sie wollen Material über STS? fragt die Dame am anderen Ende der Leitung ein zweites Mal nach und kann es immer noch nicht glauben. "Verstehen Sie mich nicht falsch, aber die drei sind schon so lange im Geschäft, heute weiß doch schon jedes Kind..."
...daß Gert Steinbäcker, Günter Timischl und Schiffkowitz (bürgerlich: Helmut Röhrling) STS sind.
Na klar doch.
...daß die drei mit ihrer Drei-Stimmen-und-drei-Gitarren-Combo jenes Erfolgstrio bilden, das mittlerweile seit 15 Jahren aus der heimischen Pop-Branche nicht mehr wegzudenken ist.
Ebenfalls richtig.
Wer die Musik und Texte der drei sympathischen Steirer aber wirklich verstehen will, der sollte freilich ein wenig mehr über sie wissen.
Etwa daß sie auf den Erfolg sechs lange und magere Jahre warten mußten.
"Da hatten wir nur ein Ziel", beschreibt das erste "S" der drei Auf- und Aussteiger aus dem Land hinter dem Semmering die wohl einzige Maxime, wie diese Zeit durchzustehen war: "Spaß haben und Musik spielen, die wir wollen - und irgendwann einmal davon leben können."
Leben läßt es sich als Teil des Erfolgstrios mittlerweile ganz gut. Rekordverkäufe haben STS zu Plattenmillionären gemacht. Ihre bisher sieben Alben gingen allein in Österreich an die 600 000 mal über die Ladentische. Der Durchbruch gelang mit der LP "Überdosis G'fühl" (1984) und dem Megahit "Fürstenfeld". Seitdem erleben die drei Austropop-Stars einen Dauerhöhenflug. Die Konzerte für die letzte Tournee ("Auf a Wort") waren schon Monate vorher ausverkauft, und "Kalt und Kälter" oder "Die Kinder san dran" summen Teenager genauso wie den "Großvater", die kommerziell erfolgreichste Nummer.
Steinbäcker, Timischl und Schiffkowitz können freilich auch über die andere Seite der Medaille ein Lied singen. "Mit neunzehn Jahren bin ich mit der Band 'Mashuun' nach Deutschland gegangen", erzählt Gert Seinbäcker, der Sprecher von STS. "Doch zahlendes Publikum kam nicht. Konnte auch garnicht kommen - wir hatten dort nämlich keinen einzigen Auftritt. Trotzdem bin ich für ein paar Jahre dort geblieben." Genau gesagt waren es fünf, in denen sich der abgeklärte Steirer mit Jobs aller Art - vom Druckereiarbeiter in Frankfurt bis zum Spielwarenversender in Marburg, vom LKW-Faherer in Pforzheim bis zum Großwäschereiangestellten in München - über Wasser gehalten hat. Bis er dann, so mit 25, festgestellt hat, "daß es so nicht weitergehen kann. Ich wollte endlich professionell Musik machen."
In Timischl und Schiffkowitz fand er zwei gleichgesinnte Leidensgenossen - mit musikalischer Erfahrung und jeder Menge Engagement, aber in Bands, die bis zu ihrer Auflösung ein Geheimtip geblieben waren.
Womit der Gründung von STS nichts mehr im Weg stand.
Um sich den anfangs brotlosen Beruf überhaupt leisten zu können, putzte Timischl nebenbei Fenster und wurde wegen chronischen Geldmangels sogar UNO-Soldat auf Zypern. Schiffkowitz wiederum heuerte bei Zeitungen und dem ORF als freier Mitarbeiter an und verfaßte nach seinem USA-Aufenthalt das Sixties-Buch "Wir sind die, vor denen unsere Eltern uns gewarnt haben", eine Analyse der Jugendrevolten in den Sechzigern, der Hippies und ihrer Kultur.
Die Jahre vergingen, der Erfolg blieb aus. Enttäuscht über den verpatzten Karriereversuch und knapp davor, alles hinzuschmeißen ("Wir haben intensiv gearbeitet und konnten nicht einmal die Miete zahlen", resümiert Schiffkowitz), covern STS einen Beatles-Song ("Da kummt die Sunn") und veröffentlichen bei einer kleinen burgenländischen Firma die Nummer "Irgendwann bleib i dann dort".
Der Rest ist Geschichte.
Im Gegensatz zu vielen anderen im Musikgeschäft sind STS trotz ihres fulminanten Erfolges bis heute am Boden geblieben. Skandale, Affären und schrille Promotion-Gags gab es und gibt es nicht. Sie leben wie eh und je ihr alternatives Selbstverständnis, das ihnen bei der eingeschworenen Fangemeinde schmeichelhafte Bezeichnungen wie "die letzten Hippies der heimischen Hitparade" oder "Second-Hand-Woodstock-Veteranen" eingebracht hat. Und sie führen nach jeder Platte ein Leben fernab von STS. "Wir picken nicht pausenlos zusammen. Wenn wir uns treffen, dann zum arbeiten", erzählt Gert Steinbäcker.
Gearbeitet wird dort, wo die Stimmung und alles andere so richtig zusammenpaßt. Das Album "Jeder Tag zählt" ist deswegen auch in Griechenland entstanden, Timischl und Fiat-Tipo-Fahrer Schiffkowitz haben sich einfach hinters Lenkrad geklemmt und sind Richtung Ägäis gedüst, um auf Steinbäckers Yacht "Irina" gemeinsam die Arrangements zu machen. Durch die Pausen zwischen den Produktionen bleibt den Musikern genug Zeit, um tief Luft zu holen und sich anderen Dingen zu widmen. "Ich mache seit 30 Jahren Musik. Auf der einen Seite für STS, auf der anderen für mich", meint Günter Timischl, der zurückgezogen in einem originalgetreu renovierten Bauernhaus nahe dem vielbesungenen Fürstenfeld lebt. Und auch Gert Steinbäcker musiziert nicht nur als Drittel der Band. Mit dem Album "Einmal im Leb'n" startete er seine Solokarriere. Zur Zeit arbeitet der 1986 zum besten Texter des Landes gekürte Grazer an seinem zweiten Projekt.
Wie es heißen wird, steht noch nicht fest, und einstweilen ebenfalls beim Erscheinungstermin läßt sich Steinbäcker nicht festnageln. Mehr als ein "Rauskommen wird es vielleicht Anfang nächsten Jahres" ist dem abgeklärten Musiker, der mit der Aussteiger-Hymne "Irgendwann bleib i dann dort" schon bewiesen hat, daß er von Steß und Hektik nicht allzuviel hält, beim besten Wiennen nicht zu entlocken.