Vom Leben ohne Vornamen

   Dezember 2003, Autor unbekannt, Der Steirer Monat
   hinzugefügt am 07.11.2004  von Roland

Vom Leben ohne Vornamen.

Inselgespräch: Der Monat lud Geschichtenerzähler und STS-Mann Schiffkowitz mit drei "lebenswichtigen" Dingen auf die (Mur)Insel.

Der Tag, an dem ihm sein Vorname abhanden kam. Schiffkowitz erinnert sich an jenen Abend Mitte der 60er, an welchem er Schiffkowitz wurde. Gemeinsam mit Freund und Bandkollegen Boris Bukowski flanierte er durchs nächtliche Fürstenfeld. An einer Baustelle, deren Beschilderung den Architekten Helmut Zsifkovits als zuständigen Planer auswies, hielten sie inne. Bukowski zum damaligen Architektur-Studiosus Helmut Röhrling: "Ab heute heiß Du Schiffkowitz! Aber ohne Vornamen." Und Schiffkowitz tat, wie ihm (er) geheißen. Schiffkowitz: "Eigentlich wars nur ein Scherz, aber unter den Fans unserer damaligen Rock-Formation Music Maschine verbreitete sich der neue Name unglaublich schnell. Das ging sogar so weit, dass manche beim Postenkommando Sinbalkirchen, deren Kommandant mein Vater war, anriefen und nach einem Herrn Schiffkowitz - meinem Vater - verlangten, um mir etwas ausrichten zu lassen, da wir damals kein Telefon zu Hause hatten."
Geschichten erzählen. Das tut Schiffkowitz gerne. Am häufigsten erzählt er sie seinen Notizblöcken, die er ständig mit sich führt, am liebsten erzählt er sie freilich in Liedform und am erfolgreichsten in Beleitung von zwei weiteren Mitt-Fünfzigern und drei Gitarren zum dreistimmigen Gesang - auch bekannt unter den Initialen STS, deren zweites S für Schiffkowitz steht. Zuweilen erzählt Schiffkowitz sogar Geschichten über Geschichten, zum Beispiel warhe über falsche. So die Geschichte - die wahre -, dass der Steinbäcker Gert öfter mal die Geschichte - die falsche - erzählt, dass Schiffkowitz ein Findelkind sei - ausgesetzt mit einem Taferl mit der Aufschrift "Schiffkowitz".
Wie man sieht, schon allein die Geschichten rund um seine Namensgeschichte füllen Bände. Doch verpuffen sie zu Schall und Rauch angesichts der echten, wirklichen, wahrhaftigen Geschichte in Schiffkowitz` Leben. Von Fürstenfeld aus trampte der aufmüpfige 17-jährige Mittelschüler damals - "Ich war ein richtige Krätz´n, aber die autoritären Zustände waren mir zutiefst zuwider" - in die schwedische Hauptstadt und entfloh dem erstickenden Mief verlogener, kleingeistiger Provinzialität, um in Stockholm vom gewaltigsten Frischluftgebläse der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts erfasst zu werden: den Beatles: "Ich habe bei diesem Konzert aufgrund des ohrenbetäubenden Gekreisches gar nichts verstanden." Und verstand dennoch: Was er hörte war der Sound der Freiheit. Was er spürte, ein völlig neues bislang ungeahntes Gefühl, sozusagen das Lebensgefühl. "Die Botschaft lautete: Es gibt da noch mehr im Leben! " Scheißts euch nichts, geht’s hinaus und machts was aus eurem Leben!"
Und wieder tat Schiffkowitz wie ihm geheißen. Er ging hinaus und machte was aus seinem Leben. Wenn auch die Umwege nicht wenige waren. Schiffkowitz studierte. Anglistik, Kunstgeschichte, Psychologie und Architektur. Dann wechselte er die Körperregion: vom analytischen Kopf zum inspirierenden Bauch und wollte Kunst machen statt darüber zu reflektieren. Auch wenn Letzteres in journalistischer Arbeit für die Ö3-Musicbox und "Neue Zeit" über Jahre geschah. Mehr so geschehen - im Sinne von zufällig passiert - ist auch das Zusammentreffen mit Steinbäcker und Timischl. "Wir sind bei einem Fest zufällig zusammengestanden, haben gesungen und gesehen, dass unsere Stimmen ganz gut zueinander passen."
Der Rest ist Geschichte. Auch wenn diese eine voller Missverständnisse und Fehleinschätzungen war - exemplifiziert am Beispiel des Durchbruchhits "Fürstenfeld". "I wül wieda ham" wollte Autor Schiffkowitz das Lied benennen - ehe Freund Frido Hütter erfolgreich intervenierte: "Spinnst? Der Titel muss Fürstenfeld sein!" Die Satire auf den provinziellen Kleingeist geriet zum Superhit. "Grotesk, ausgerechnet der Fernweh-Typ Schiffkowitz schreibt die Heimweh-Hymne", muss Schiffkowitz heute lachen. Nicht immer lachen kann Individualist Schiffkowitz über das öffentlich wahrgenommenen Kollektiv STS. "Viele Leute glauben, wir drei teilen Wohnung, Auto und Freundin, Wir sind zwar gute Freunde, sehen uns aber oft monatelang nicht", räumt Schiffkowitz, dessen Solo-CD "Er selbst" 2000 erschienen ist, mit einem Mythos auf. "Wir sind ja keine siamesischen Drillinge."


Drei Dinge, die Schiffkowitz mit auf die Insel nimmt:

Gitarre: "Dabei bin ich doch höchstens ein passabler Gitarrist" so Schiffkowitz. Inspiritativ viel wichtiger für ihn: der Notizblock. "Ohne Schreiben halt ich es nicht lange aus."
Ein leeres Packl Tschick: "Ich geh nur auf eine Insel, auf der es keine Trafik gibt. Ich will mit der Tschickerei aufhören - für einen Sänger ist das Rauchen so, als ob sich ein Maler jeden Tag mit dem Hammer auf die Hand haut."
Radio, aber abgeschaltet: "Damit ich zumindest eine Zeit lang nichts mehr von der grauslichen und unmoralischen österreichischen Asylpolitik hören muss", so der auch in Ausländerfragen engagierte Künstler.


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