Lieder wie kleine Predigten

   23. Juni 1996, Johann A. Bauer, Sonntagsblatt
   hinzugefügt am 20.12.2004  von werner

Die drei steirischen Musiker "STS" werden bei einem Open-air-Konzert am 27. Juni in Kapfenberg wieder Tausende begeistern. Das Sonntagsblatt besuchte das "T": Günter Timischl.


Als erstes zeigt uns Lotte Timischl eine frische Schlangenhaut. Sie bewohnt mit Günter ein kleines Paradies auf einer Anhöhe nahe Fürstenfeld. Zum renovierten Bauernhof gehört ein kleiner Teich, und an dem hat sich gerade eine etwa einen Meter lange Schlange gehäutet.
Günter Timischl pfeift ein Lied, während er in der Gartenlaube Limonade einschenkt. Wenn er einmal nicht mit Gert Steinbäcker und Schiffkowitz auf der Bühne, sondern plötzlich in einer Kirche stünde, was würde er predigen? "Ich bin kein Redner; ich war immer Musikant", weicht das "T" der seit zwölf Jahren höchst erfolgreichen Gruppe "STS" aus.
"Predigen könt ich nicht", meint er. Will er nicht predigen im Sinne von "den Leuten etwas sagen"? "Wir machen im Prinzip nichts anderes mit unserer Musik. Von unseren Texten sind sehr viel anspruchsvoll, glaube ich. Es sind ja auch kleine Gebete und kleine Predigten, von der kleinen Strafpredigt bis zur kleinen 'Gebotspredigt' oder der kleinen Bittpredigt, 'tut das auch noch'.

Lieder wie "Auf a Wort" oder "Wahnsinn" (gegen den Krieg "da unten", der ihn "mächtig an'zipft" habe) seien "stark politisch ang'hauchte G'schichtln". In "Auf a Wort" habe er ursprünglich ein Gegenstück zu den sieben Todsünden (Überheblichkeit, Geiz, Unkeuschheit, Neid, Unmäßigkeit, Zorn, Trägheit)schaffen wollen. Es schälten sich sechs positive Begriffe für das Lied heraus: Frieden, Freiheit, Liebe, Hoffnung, Zukubft, Leben.
Auf a Wort sage einfach aus, was das Leben eigentlich ist. "Du kannst eh nichts dafür; irgendwer bringt dich auf die Welt, und dann bist du da. So, tu, was du willst. Irgendwann verabschieden sich dann deine Eltern, und wenn du Pech hast, so wie ich, dann verlierst du sie früher..."
Als sein Vater starb, war Günter zwölf Jahre alt; den habe er "gar nicht richtig kennengelernt, weil er immer in der Arbeit war". Beim Tod seiner Mutter war er 23, im "Husch-Pfusch-Alter, wo du noch nicht richtig weißt, wer du eigentlich bist, vor allem, wenn du als Musiker arbeiten willst". Da sei er "ziemlich hilflos herumgeschwommen" und knapp daran gewesen, "einen bürgerlichen Job zu machen".
"Ich bin ein Arbeiterkind", erzählt Günter. Im Unterschied zu seinen Kollegen Steinbäcker und Schiffkowitz komme er "wirklich aus der untersten Klasse". Durch den frühen Tod des Vaters sei er schon ein "bißchen herumgestoßen worden". Bis zu seinem 35. Lebensjahr habe er nicht einmal ein Auto gehabt. Er habe eher "von Monat zu Monat gelebt" und notfalls auch zwei Wochen lang "Fenster geputzt oder irgend etwas, womit man schnell Geld verdienen konnte". Da lerne man das eher "einfache Leben."
Es freut ihn, daß ihm viele sagen, er habe nicht abgehoben vom einfachen Volk. Schnell könne man "den Blick für's Wesentliche verlieren". Doch ist er stolz auf viele Freunde aus seinen Kindertagen, die mit ihm am Sportplatz zusammenstehen, herumpalavern und sich "wundern, daß ich nicht drüben stehe bei den Großkopferten".

Was ist das für ein Gefühl, wenn ein Lied fertigkomponiert ist? "Wenn es ein gutes Lied'l worden ist, ein total erhebendes Gefühl. Wie wenn ein Handwerker ein gutes Stückl macht für eine Kundschaft".

Eineinhalb bis zwei Kilo Körpergewicht verliert Günter - "ich bin sowieso ein Schwitzkasten" - an einem Konzertabend. "Seit meinem siebenten Lebensjahr stehe ich auf Bühnen herum. Seit der Vorspielstunde mit der Flöte und dem Kindertheater."

Auf der Bühne jubeln ihnen Tausende zu. "Das ist das Musikerbrot. Daß es noch Geld gibt dafür, ist ein schöner Nebeneffekt."
Knüpfen sich an Stars nicht manchmal Hoffnungen wie an einen Messias? Um das "Fantum" haben sich STS nie besonders bemüht. Er möchet nicht, "daß die Leute anfangen zum Zelten vor dem Haus". Eine gewisse Verehrung sei da, aber "nicht ausgeflippt". Das Publikum "zwischen 16 und 60" (auch jünger und älter) würde es "schade" finden, wenn sich STS auflösten, aber "nicht in Tränen ausbrechen wie bei Teenagerbands".

Doch, er bekomme schon auch Briefe mit "ordentlichem Tiefgang", ab und zu "von verzweifelten Menschen". Sogar selbstmordgefährdete Leute haben "nach irgendeinem Strohhalm gesucht" und an "STS, Fürstenfeld" geschrieben. Diese Dinge habe er sehr ernst genommen und den schnell den Kontakt gesucht.
Der Musiker als Seelsorger? Sich jeden Tag mit diesen Problemen zu beschäftigen, wo man "mit einem Wort alles zerstören kann", hätte er "vielleich nicht den Nerv". "Die Lotte hätte eine gute Seelsorgerin werden können; sie ist ein gute Zuhörerin". Künstler "seien das eher nicht, sie wollen ja, daß man ihnen zuhöre".

Günter Timischl ist Vater und Großvater, und gleichsam der "Familienmensch" von STS. Er ist stolz auf ein Enkerl mit sechs Jahren, eine Enkelin mit zwei, "und ein drittes ist jetzt unterwegs". "Es ist schon erhebend wenn die zwei Kleinen kommen; wenn du sie anschaust und denkst, die haben ihr ganzes Leben noch vor sich".
Treue? Sie bedeute "einen tiefen Wert für ihn". "Ich bin eine absolut treue Seele. Auch eine gewissen Gewohnheit und Gemütlichkeit ist dabei." Auf STS bezogen: "Wenn du einmal fast 20 Jahre zusammen Musik machst, ohne daß du dir irgendwie auf den Geist gehst, dann hat das schon auch mit Treue zu tun". Es sind 1998 zwei Jahrzehnte, daß sich Steinbäcker, Timischl und Schiffkowitz zusammengetan haben. Und vor 12 Jahren "hat uns die Weltgeschichte bemerkt".

Seine Lieder lassen auf Harmonie schließen. "Ich bin mit mir schon im reinen. Ich komme mit mir ganz gut klar". Manchmal kämpfe er herum und wisse nicht, warum, bis er draufkomme: "Hallo, Moment, Schluß, aus. Fangen wir wieder von vorn an".

Was ist der Sinn des Lebens? Er lacht, "das möchte ich auch gerne wissen. Bei solchen Fragen steige ich dann immer aus. Ich bin auf der Welt, das ist der Sinn des Lebens." Das "Wichtigste" sei, "ein guter Mensch bleiben".

Mit "Religion könne er nicht wirklich viel anfangen". "Ich bin halt Katholik".

Wenn jetzt die sechs Freiluftkonzerte vorbei sind, von Imst bis Kapfenberg, der Donauinsel und Düsseldorf, werfe jeder der drei seine Gitarre ins Eck und wolle sie drei Monate lang nicht mehr sehen. Dann aber schaue er seine Notizen und Ideen an, ob sie schon "genug Spannung" für ein Lied haben. Irgendwann sei dann Abgabetermin für die Gerippe der Lieder für die nächste Aufnahme. Ausarbeitung, Proben, Studio, Pause, Präsentation der CD und schließlich werde er wieder "voll hineingreifen", wenn 1998 die Jubiläumstour "20 Jahre STS" mit vielleicht 50 Terminen fahre.

"Heute gehe ich schön langsam dem Fünfziger zu. Noch zehn Jahre und dann schön langsam ausklingen lassen..."


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