Ins Netz gegangen

   22.04.2000, Autor unbekannt, Kleine Zeitung
   hinzugefügt am 30.07.2003  von Andreas

Gert Steinbäckers Griechenland lebt auf eine andere, sehr persönliche Weise

Es waren 25 Thunfische, die er in nur wenigen Stunden gefangen hatte. Im Dodekanes, gleich in der Nähe "seiner" Insel. "Da steigt dein Ansehen enorm", brummt Gert Steinbäcker, Drittel des Poptrios STS. "Denn zwei werden gleich vom Wirten gebraten, kostenlos. Dem reicht das, was du trinkst. Der Rest wird über die Insel verteilt und alle haben was davon." Ganz im Gegensatz zu den blindwütigen Ausbeutern des Meeres, den griechischen Plattfischern. Links und rechts vom Schiff werfen sie zwei schwere Platten ins Meer, ziehen diese mit Stahltrossen nach, wühlen so den Meeresgrund auf und saugen mit einem Netz alles auf, was sich bewegt. Egal ob verwertbar oder nicht.
Beide Geschichten mögen wenig gemein haben, nur Episoden sein, ohne tiefere Bedeutung. Und doch stehen sie für einen gewissen Zwiespalt, den man wahrnimmt, wenn man in Steinbäckers Erzählungen tiefer reinhört. Etwa wenn er von "seiner" Insel im Dodekanes schwärmt und vom 200 Jahre alten Steinhaus, in dem er lebt. "Nicht groß, aber die Lage ist großartig. Die halbe Ägäis gehört mir, das ist mein Vorgarten. Das Haus liegt auf einem Berg, fünf Kilometer vom Wasser entfernt. Die Sonne geht mir direkt im Hirn unter." Eine heile Welt, noch. Im Gegenzug jedoch will er den Namen des Eilands nicht mehr preisgeben. Als er den vor zwei Jahren einer Münchner Zeitung verriet, standen postwendend zwei Touristen vorm Haus.
So eine ironische Ratlosigkeit macht sich bei ihm auch dann breit, wenn er über "die 800 besoffenen Schweden" den Kopf schüttelt, die von Insel zu Insel stürmen. "Die hauen sich in die Goschen, lieben sich auf offener Straße. Klar, dass in der Folge auch in der griechischen Mentalität was zu Bruch geht. Das ist vielerorts ein beinhartes Geschäft geworden", resümiert Steinbäcker genauso emotionslos, wie er mit der Romantik der alten Tage heute nichts anfangen kann. "Man kann sich halt nicht als Bewahrer des Mittelalters aufspielen, wenn es dieses gar nicht mehr gibt. Manchen gefällt's ja auch, was sich auf einigen Inseln abspielt."
Spricht's, hebt die Schultern und macht klar: "Ich nehme an diesem Highlife nicht teil. Meine Freude lebt in den alten schönen Kneipen auf, wo man Freunde trifft und der Schmäh rennt. Damit fängt die Fun-Generation halt wenig an."
Griechenland ist in den letzten Jahren mit einer lawinenartigen Wucht in Richtung Modernität getrieben worden. "Die nächste Generation, die ist global drauf." Aber es ist für Steinbäcker immer noch entdeckenswert, "es fordert nur Geduld, ein bissl Mühe und Neugier." Soll heißen: auch Inseln zu entdecken, die vielleicht nicht so einfach anzusteuern sind. Wie Milos in den südlichen Westkykladen. Aber selbst unter den Klassikern findet man noch immer kleine Schätze. "Naxos etwa hat ein wunderschönes Hinterland, abseits der touristischen Trampelpfade. Oder Lesbos, wo irrsinnig viele Griechen zum Urlaub hinfahren. Dort gibt es noch unverbrauchte Hafen- und Bergdörfer."
Steinbäcker selbst wird es wohl bald wieder auf die kleine Insel verschlagen. Dort wachsen seine Texte, seit zehn Jahren schreibt er nirgendwo anders. Und hier findet er noch, was er an diesem Land so liebt. "Was ihnen niemand nehmen kann, ist dieses einzigartige kykladische oder dodokanesische Licht. Und die mediterrane Langsamkeit. Aber wie lange sie die noch haben werden, das weiß ich nicht."


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